Zur Frage von den Hochpotenzen.

Von E. Schlegel, Arzt in Tübingen.

Es könnte gewagt erscheinen, in vorliegenden Blättern und zu einer Zeit, wo sich die Kräfte der Homöopathie auf die Verteidigung der allgemein als wichtig anerkannten Positionen concentriren, mit einem Thema wie dem der Hochpotenzen hervorzutreten. Ist doch diese Frage eine vielumstrittene intra muros, giebt es doch zahlreiche homöopathische Aerzte, welche es stets verschmähten, die Wirksamkeit jener Präparate am kranken Organismus zu erproben. Nicht allein das Gefühl mit der Anwendung der Hochpotenzen doch allzuweit in das Reich des Unbegreiflichen sich zu versteigern, hält jene Kollegen von Heilversuchen ab, sondern auch die Rücksicht auf die Gegner der Homöopathie, welche durch derartige excessive Proceduren vermeintlich vollends vor den Kopf gestossen wurden. Andersdenkende Homöopathen pflegen die therapeutische Verwerthung der Hochpotenzen mit besonderer Vorliebe und es giebt Kollegen, welche ganz gewöhnlich mindestens die 200. Potenz verordnen. Schon längst ist es indessen als eine Regel der Toleranz und der ärztlichen Klugheit proklamirt, dass der Homöopath sich alle Verdünnungsstufen offen halten solle von den wägbaren Gaben bis zu den höchsten Potenzen.
In praxi dürften bei einem homöopathischen Arzte beide Fälle gleich häufig oder selten vorkommen. -
Was die Rücksicht auf unsere Gegner betrifft, so möchte ich in Bezug auf die Hochpotenzenfrage folgende Gesichtspunkte feststellen, welche zum Theil auch den homöopathischen Feinden dieser Arzneipräparate gelten.
1.) Das ganze Lehrgebäude der Homöopathie hat für diejenigen, welche mit den Anschauungen der medizinischen Schulwissenschaft an dasselbe herantreten, vieles Unwahrscheinliche, welches erst bei eindringendem Forschen sich klärt und nur durch den therapeutischen Versuch definitiv beseitigt wird.
Dahin gehört vor Allem die Wirksamkeit unwägbarer Gaben in höheren Verschüttelungsstufen und der allgemeine Zweifel der Neulinge hieran.

2.) Die Abgrenzung der Hochpotenzen von den Potenzen ist eine willkürliche, durch steten Uebergang vermittelte. Bezeichnen wir diejenigen Verschüttelungsstufen, welche über der 30. Centesimalen liegen als Hochpotenzen, so ist nicht abzusehen, warum die ersten Hochpotenzstufen nicht ebenso wirksam sein sollen, als die letzten Potenzstufen.
Nur allein die Erfahrung kann die Grenze bestimmen, wo eine Verschüttelung aufhört, wirksam zu sein. Theoretische Erwägungen sind vollkommen unsicher, da die Hochpotenzenfrage weder direkt von der Theilbarkeitsgrenze der Materie, noch selbst von der atomistischen Hypothese überhaupt abhängt.

3.) Wird die Heilwirkung der homöopathischen Hochpotenzen als unbegreiflich oder als „ein Wunder" angezweifelt, so müssen diese Zweifel allen Potenzen, welche über die ersten Verschüttelungen hinausgehen, in ziemlich gleicher Weise gelten, denn schon die 6. Centesimale entfernt sich ausserordentlich von den traditionellen Gaben und die von den Homöopathen fast allgemein noch anerkannte 30. Potenz lässt ihren Verdünnungsgrad nur noch durch die ungeheuerlichsten Raumvorstellungen ahnen, die Möglichkeit ihrer Wirksamkeit aber mit eben den Gründen bezweifeln, welche sich auch einer 1000. Potenz gegenüberstellen und mit ebendenselben Gründen stützen, welche die der extremen Hochpotenz stützen.

Ziehen wir uns wieder auf die praktische Seite der Frage von den Hochpotenzen zurück, so wäre noch die Stellung eines den Blicken der Gegner ausgesetzten Organs der Homöopathie in dieser Sache zu erwägen und es könnte klug scheinen, hiervon zu schweigen. Allein das wäre doch wohl nur Schein und zwar der Schein jener Schwäche, nicht mit guten Gründen von einem der Entwickelung der Geschichte der Homöopathie angehörigen, höchst interessanten Faktum sprechen zu können. Dabei identifiziren ja unsere denkenden Gegner längst die Probleme der 30. Potenz mit jenen der Hochpotenzen, beide gleicherweise verlachend und sie sollen es wissen, dass wir selbst diesen Verhältnissen mit klarem Bewusstsein ins Auge zu schauen den Muth haben, die Unwahrscheinlichkeiten derselben noch schärfer erfassend, als sie, aber durch die Macht der Thatsachen zur Anerkennung des scholastisch Unwahrscheinlichen gezwungen.
Auch glaube ich bemerken zu dürfen, dass die Blätter dieser Zeitschrift sich mit dankenswerther Liberalität jenen Ansichten geöffnet haben, welche makrodosistische und biochemische Brücken zur Hahnemann'schen Heilmethode zu schlagen suchen und welche von manchen conservativen Homöopathen für Abwege nach links gehalten werden. Betrachtet man die Hochpotenzenfrage als ein Gebiet, welches der Seite der extremen Rechten angehört, so wird die Erörterung derselben auch aus dem Grunde auf Duldung Anspruch erheben dürfen, damit das Bild der geschichtlichen Homöopathie ungefälscht im Gleichgewichte natürlicher Entwicklung vor den Beschauer trete und nicht das den bessern Gegnern widerliche Schauspiel einseitigen gefalligen Entgegenkommens biete.
Auf der 50. Versammlung des homöopathischen Centralvereins in Stuttgart kamen die Hochpotenzen zur Sprache. An praktische Mittheilungen über Heilwirkungen derselben durch Professor Dr. Rapp und Dr. Siegrist schlossen sich sehr interessante Erörterungen über die Natur jener Arzneipräparate an, hervorgerufen durch geäusserte Zweifel an deren Realität, sowie durch den Vorwurf, dass man es den Jenichen-schen Hochpotenzen gegenüber eigentlich mit Geheimmitteln zu thun habe.
Herr Dr. Fischer aus Berlin theilte über diese unter den Hochpotenzen berühmtesten Präparate Folgendes mit:
Jenichen, ein Mann von ausserordentlicher Körperkraft, habe sich an der Darstellung der Hochpotenzen durch unablässiges Verschütteln geradezu den Tod geholt und noch im wassersüchtigen Zustande, an heftigem Zittern leidend, habe er sich durch eine andre Person den Arm halten lassen, um das Geschäft des Potenzirens fortsetzen zu können.
Die Jenichen'schen Hochpotenzen seien lege artis nach Hahnemann bereitet, doch bestehe bei der Technik der Herstellung eine Besonderheit, welche geheim gehalten worden sei, die aber von zwei lebenden Personen gewusst werde. Lange seien Dr. Constantin Hering und Dr. Hartlaub die Wissenden gewesen; nun sei seit Hering's Tod der Redner selbst (Dr. Fischer) neben Hartlaub im Besitze des Geheimnisses. Er hoffe, dass dasselbe in nicht zu ferner Zeit im Einverständniss mit Dr. Hartlaub veröffentlicht werden könne; vorerst sei er nicht dazu befugt, könne aber auf's Bestimmteste erklären, dass die Jenichen'schen Hochpotenzen eigentlich als Hahnemann'sche Potenzen angesehen werden müssten.
Herr Dr. Katsch hatte zuvor geltend gemacht, dass man über die Bereitung der fraglichen Präparate so wenig wisse, dass möglicherweise gar keine Verdünnungen im Hahnemann'schen Sinne vorlägen, sondern relativ niedrige Verdünnungen, welche durch eine sehr grosse Zahl von Schüttelschlägen zu Hochpotenzen gestempelt worden seien.
Auch v. Grauvogl hat meines Wissens die Jenichen'schen Präparate unter die sogenannten „Perkussionspotenzen" gezählt - Durch die Erklärung des Herrn Dr. Fischer sind nun diese Auffassungen als definitiv unberechtigt zu beseitigen. - Im weiteren Verlauf der Debatte erklärte Herr Steinmetz (A. Marggrafs hom. Officin in Leipzig), dass es seiner Ansicht nach unmöglich sei, die mehrtausendsten Potenzen lege artis nach Hahnemann zu bereiten, indem Zeitaufwand und Potenzirgläser ungeheure Dimensionen einnehmen würden.
Dr. Fischer entgegnet hierauf, dass sich die Sache viel einfacher gestalte unter der Voraussetzung, dass man mit einem oder mit wenig Potenzirgläsern arbeite, welche jedesmal ausgeleert würden, da doch Niemand alle einzelnen Potenzstufen aufbewahre, sondern nur etwa von 100 zu 100 bei den Hochpotenzen. -
Diese Erklärungen scheinen mir das Recht zu geben, über homöopathische Hochpotenzen einige Sätze aufzustellen, welche früher vielfach gehegte Irrthümer definitiv ausschliessen und bei der betreffenden Frage alle Willkür aufheben, sodass der homöopathische Arzt mit derselben Sicherheit die Verdünnungsverhältnisse der Hochpotenzen kennt, wie diejenigen der niedrigeren Verschüttelungen und mit demselben Vertrauen zu ihnen greifen kann, wie er dieses jenen schenkt, ohne den Vorwurf befürchten zu müssen, dass er zweifelhafte Präparate benütze.
Mit dem Ausdruck homöopathischer Potenzen soll nicht in erster Linie der qualitative Begriff einer Machtentfaltung oder Dynamisation verbunden werden, sondern vor Allem der arithmetische Potenzbegriff in dem bekannten Sinne, dass der Nenner des Verdünnungsbruchtheils die Potenzzahl und der zugrundeliegende Verdünnungsmodus (Decimal- oder Centesimalsystem) die Grundzahl bedeute. Zur Bezeichnung der Potenz dient der Exponent.
In der 30. Potenz haben wir also beim Decimalsystem 1030, beim Centesimalsystem 10030 als Nenner des Verdünnungsbruches (Quintillontel, Decilliontel).
Diese Betrachtungsweise muss auf die Hochpotenzen direkt übertragbar sein und die Erklärung des Herrn Dr. Fischer, dass die Jenichen'schen Präparate lege artis nach Hahnemann hergestellt seien, bedeutet wohl, dass die fortschreitende Potenzirung eine solche im arithmetischen Sinne sei, wenn auch der Verdünnungsmodus ein anderer ist.
Wir hätten also (unter der Voraussetzung, dass so weitgehende Stoffzertheilung stattfindet) bei der 200. Jenichen'schen Potenz einen Verdünnungsgrad von1:100²º° und sollte auch z. B. behufs Abkürzung des Verfahrens nach einem andern Grundschema etwa 1:10,000 verdünnt worden sein.
Würde man z. B. 1:1000 verdünnen (Millesimalsystem), so entspräche die 20. Millesimalpotenz der 30. Centesimale, also 100020 = 10030 = 1 Decillion. Der 200. Centesimale entspräche jedoch in diesem System nicht genau eine Millesimalpotenz, weil bei der fortschreitenden Potenzirung keine vollkommene Coincidenz stattfinden kann.

Verdünnungsschema. . 1:10 1:100 1:100 1:10 000
Potenzbezeichnung . . 1.

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Dass an diesen Verhältnissen unter Reduktion auf Centesimalpotenzen festgehalten werden müsse ist unbedingtes Erforderniss bei der Bezeichnung von Hochpotenzen und man kann es nur als ein durchaus willkürliches Verfahren ansehen, wenn z. B. gesagt wird, dass die Hochpotenzen zum Theil in der Weise bereitet worden seien, dass man bis zur 60. Centesimale ordnungsmässig verdünnte, dann auf die 100. Potenz „übersprang," woraus zwar ganz treffliche Arzneipräparate hervorgehen können (ich habe mich selbst von ihrer Wirksamkeit überzeugt), die Bezeichnung der Potenz aber die rechnende Betrachtungsweise ganz unmöglich macht, wenn nicht die so erlangte 100 als 61 aufzufassen ist.
Was die sogenannten „Perkussionspotenzen", besser „Perkussionspräparate ", betrifft, so sollten sie eine doppelte Bezeichnung führen, nämlich:
1) die den Verdünnungsgrad- angebende Zahl, welche also der Potenzzahl entspricht,
2) die Zahl der angewandten Schüttelschläge oder die Zeitdauer des Schütteins.
Die Herstellung dieser Präparate scheint sich auf eine Bemerkung Hahnemanns zu gründen, welche sich als Zusatz zu § 270 des Organon findet
Sie lautet: „Ich löste einen Gran Natron in einem Lothe mit etwas Weingeist vermischtem Wasser in einem zu 2/3 damit gefüllten Glase auf und schüttelte diese Auflösung eine halbe Stunde lang ununterbrochen und die Flüssigkeit war von Potenzirung und Kräftigkeit der 30. Kraftentwickelung an die Seite zu setzen."
Ob sich Hahnemann hier nicht getäuscht hat? Jedenfalls wäre es kein Verlust für die Homöopathie, wenn solche Präparate, die bei niedriger Verdünnungsstufe durch langes Schütteln gewonnen worden sind, aus der Praxis verschwänden.

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In der Stuttgarter Central-Vereins-Versammlung wurde auch die Frage angeregt, ob denn die Jenischen'schen Hochpotenzen überhaupt noch ächt zu beziehen seien.
Ich denke, wenn Jenichen die Potenzen in Flüssigkeit hinterlassen bat, so werden sich daraus sehr grosse Quantitäten von Streukügelchen (in welcher Form doch diese Präparate stets angewandt werden) darstellen lassen.
Zufällig bin ich in den Besitz eines reichen Schatzes dieser Präparate gekommen, indem ich von einem alten Freunde der Homöopathie Lehrer K. in L. 29 grosse Cylindergläser (mit vielleicht 2-3000 Streukügelchen das Stück) von den gebräuchlichsten Jenichen'schen Präparaten in 200-16000ste Potenz erworben habe.
Da dieser Vorrath meine Bedürfnisse für alle Zeit weit übersteigen wird, so bin ich bereit, solchen Herren Kollegen, welche dies wünschen, kleine Portionen davon abzutreten für den Fall, dass eine ihnen bekannte, anderweitig zuverlässige Bezugsquelle nicht existirt. Die Art, wie Herr K. dazu kam, mir seinen Vorrath an Hochpotenzen anzubieten, wirft auf diese Präparate von Neuem ein abenteuerliches Licht und ist in Uebereinstimmung mit ähnlichen, von andern Beobachtern constatirten Thatsachen höchst merkwürdig.
Am 23. August 1880 wandte sieh Herr K. an mich, um für eine damals im 54. Lebensjahre stehende unverheirathete Verwandte Rath und Hilfe zu suchen.
Patientin war von Kindheit an nervös und litt seit früher Jugend an Migräneanfällen. Im 17. Jahre war sie an Krätze allopathisch behandelt worden.
„Sie erhielt vor 6½ Jahren eine viel zu starke Gabe Sulfur 900. Potenz, nämlich 15 Kügelchen."
Die Migräne blieb fortbestehen, ein sehr langwieriger und heftiger Schnupfen, Backengeschwulst und hysterischer Zustand mit Anwandlung von Verfolgungswahn traten auf. Hiergegen erhielt sie am 2. September 1878 Ignatia 300. Potenz. Sämmtliche Erscheinungen, besonders die Wahnvorstellungen verschlimmerten sich darauf in hohem Grade und alle Symptome, die neu hinzutraten, schienen Herrn K. nach der Jahr'schen und Hahnemann'schen Arzneimittellehre unwiderleglich von der Ignatia herzurühren. Die eigentliche frühere Migräne ist verschwunden.
Herr K. giebt mit Genauigkeit neunzehn charakteristische Symptome an, welche nach dem Handbuche von Jahr vollkommen zutreffen und welche theils nach der Ignatiagabe neu und bleibend eintraten, theils von dort an verschwanden, nachdem Patientin seit ihrer Kindheit daran gelitten hatte.
Gegen die nach der Ignatia eingetretenen Beschwerden hatte Herr K. Arnica, Cocculus, Nux vom. und Pulsatilla in längeren Zwischenräumen und stets zwei Kügelchen der 30. Decimalen angewandt, „doch hatte kein Mittel auf die Wirkung der Ignatia irgend welchen Einfluss, wie das bei Hochpotenzen wohl stets der Fall sein dürfte."
Ohne der Ansicht des Herrn K. über die Wirkung der Ignatia-Hocbpotenz ohne Weiteres beizutreten, hielt ich sie doch für beachtenswert, indem ich mich an Symptome erinnerte, die ich an mir selbst nach Einnehmen von Carbo vegetab. in 30. Centesimalpotenz beobachtet hatte und noch weit mehr, indem ich an die Thuja-Prüfungssymptome von Wolf dachte, gewonnen an Hundert Personen durch eine Gabe der 1000. Jenichen'schen Hochpotenz, „die Jenichen's Fleiss uns als sein Bestes hinterlassen hat."
Was sollen, was dürfen wir hierzu sagen? Ich denke: Wer in unserm räthselvollen Dasein so Vieles als unbegreiflich und wunderbar anerkennen muss, der wird bescheiden mit seiner Meinung hinter die Sprache der Thatsachen selbst zurücktreten und das Aburtheilen über diese Dinge Jenen überlassen, die sich weiser dünken als er und kühn genug sind Beobachtungen und Erfahrungen, wie die eines Wolf, so summarisch in Zweifel zu ziehen. -
Kehren wir indessen zu obigem Krankheitsfälle zurück. Da auf homöopathische Weise schon fruchtlose Versuche gemacht waren dem Uebel beizukommen, so rieth ich zum abwechselnden Gebrauch von Kali phosphoricum und Magnesia phosphorica nach Schüssler, in der Idee, die Ernährung des Nervensystems dadurch so zu beeinflussen, dass die abnormen Funktionen geregelt würden. Nach länger als einem Jahre schrieb mir Herr K. folgendes:
„Ew. Wohlgeboren erlaube ich mir hierdurch ganz ergebenst mitzutheilen, dass die in Folge des Gebrauchs von Ignatia längere Zeit Leidende die beiden Schüssler'schen Mittel in 12. Verreibung genau nach Vorschrift seiner Zeit eingenommen hat, dass aber sowohl während des Einnehmens, als auch lange Zeit darnach nicht die leiseste Veränderung an dem fatalen Zustande zu bemerken war. Hierauf erhielt sie, um die Symptome ihres Leidens durch ein denselben entsprechendes homöopathisches Mittel nicht möglicherweise zu verschlimmern, als Gegenmittel Essig, welchen Hahnemann in einem ganz ähnlichem Falle trinken liess. Wie dort, so trat auch hier eine völlige Aenderung des Zustandes der Kranken ein, denn die Angstanfälle verschwanden, sie hörte nicht mehr sprechen (Gehörstäuschungen) und sprach auch selbst nicht mehr (im Wahne klagend), doch ist dabei nicht ausgeschlossen, dass - wiewohl in langen Zwischenräumen - kleine Verstimmungen ähnlicher Art, wie sie früher bestanden, vorübergehend eintraten.
Vielleicht verschwinden diese ganz unbedeutenden Symptome mit der Zeit von selbst, da die Wirkungsdauer der Ignatia doch auch wieder ein Ende nehmen muss. Es soll mir dieser Fall eine ernste Warnung sein, von meinen Hochpotenzen wieder Gebrauch zu machen."
In einem Briefe, welcher die Uebersendung der Jenichen'schen Hochpotenzen begleitete, machte mir Herr K. auf meinen Wunsch einige Mittheilungen über seine mit diesen Präparaten erzielten Erfahrungen, von welchen ich hier nur die unzweifelhafte Wirkung von Natrum mur. 1000 anführen will. Herr K. ist Achtziger und hatte seit langen Jahren einen kahlen Oberkopf. „Wegen eines Leberleidens" nahm er am 5. Juli 1877 drei Kügelchen Natrum mur. 1000 und es zeigte sich bis November 1877 „der bisher ganz nackte obere Theil des Kopfes mit neuen feinen schwärzlichen Haaren bedeckt; in den übrigen, bisher fast weissen Haaren zeigten sich schwärzliche Streifen von neuen Haaren." Eine andere Anzahl theils objective, theils subjective Natrum-muriat. - Symptome und Heileffekte übergehe ich hier, erinnere aber daran, dass Professor Rapp nach früherer Veröffentlichung bei einer seit vielen Jahren kahlköpfigen Frau mit einer Hochpotenz von Silicea einen ganz ähnlichen Erfolg, nämlichen neuen, dichten und dauernden Haarwuchs erzielte.
Herr K. ist nach allen seinen Mittheilungen ein sehr besonnener Beobachter und von gesundem Urtheil, sodass ich an der Wahrheit der geschilderten Verhältnisse keinen Augenblick zweifeln kann.
Herr Kollege Buchmann in Alvensleben hatte früher die Güte, mir über Hochpotenzen einige Mittheilungen zu machen und er wird es erlauben, dass ich Folgendes aus seinem Briefe entnehme:
„Die meisten früher publizirten Heilungen mit 200. Centesimale waren mit Lehrmann'sehen (Schöningen) Hochpotenzen erzielt. Ich habe vor Jahren eine Reise express nach Schöningen gemacht, um mich über die Bereitungsweise der 00/2oo zu informiren. Die ausgezeichnete Methode bestand darin, dasselbe Glas bis zu 200 zum Schütteln zu verwenden, ausgiessen, bis zu einem Ring am Glase füllen, schütteln, ausgiessen u. s. w. fort. Nach dem Ausgiessen bleibt ein starker Tropfen rings herum an der inneren Wand zertheilt zurück, wodurch eine innige Mischung beim Schütteln natürlich befördert wird, es wird viel Zeit gespart, die durch Eintröpfeln verloren geht, ausserdem ein Verwechseln unmöglich gemacht. Der damalige Kreiswundarzt hat immer mit Lehrmann zusammen gearbeitet."
„Von Dr. Rentsch in Wismar habe ich die höheren Verdünnungen nach der Korsakoff'schen Methode von den Polychresten (meist mineralische Mittel) bis zu °%ooo (von einem Thierarzt hergestellt) senden lassen, die nur in Körnchen abgegeben werden, aber nur ausnahmsweise davon Gebrauch gemacht in sehr hartnäckigen Fällen, aber mit günstiger Wirkung. Jetzt hat Dr. Rentsch den Vertrieb dieser Hochpotenzen dem dortigen Apotheker übergeben." Ueber die Korsakoff'schen Bestrebungen drückt sich Bojanus in seiner Geschichte der Homöopathie in Russland sehr günstig aus (Zeitschrift des Berl. Vereins hom. Aerzte, Bd. I, Heft IV); von den betreffenden Arzneipräparaten selbst heisst es bei Griesselich (Handbuch zur Kenntniss der homöopathischen oder spezifischen Heilkunst, Karlsruhe 1848), dass sie durch Zusammenschütteln trockener, unarzneilicher Streukügelchen mit einem arzneilichen dargestellt worden seien. Ebenso sehr, wie diese Methode von Hahnemann'schen Vorschriften abweicht und der rechnenden Betrachtungsweise unzugänglich ist, zeigt sich Jenichen als treuer, nur extremer Nachfolger Hahnemann's, wenn Griesselich von ihm berichten kann, dass seine Hochpotenzen von Stufe zu Stufe zwölfmal geschüttelt seien (Jenichen's Brief an Dr. Segin Hygea XXI. 557) und zwar mit so kräftigen Armschlägen, dass die Flüssigkeit bei jedem Schlage im Glas ertöne „wie das Klimpern mit Silbergeld."
So seien denn die vielgeschmähten, die berüchtigten und von manchen Praktikern und Beobachtern ersten Ranges so ausgezeichneten Hochpotenzen im Anschluss an die Stuttgarter Verhandlungen aufs Neue den homöopathischen Aerzten nahe gelegt, nicht etwa als tägliches und gewöhnliches Rüstzeug, sondern als mächtige, mit Bedacht und Vorsicht ins Treffen zu führende Reserve. Dass bei der Verabreichung von Hochpotenzen die Mittelwahl eine besonders sorgfältige sein müsse ist stets gefordert worden und Jahr vergleicht die Wirkungsgebiete der Arzneikräfte mit, bei höherer Potenzirung mehr und mehr auseinander laufenden Radien, sodass also in Krankheitsfällen, wo die niedrigen Verdünnungsstufen sich möglicherweise ersetzen können, die höheren Potenzen dies nicht mehr zu thun vermögen, sondern nur noch in einer gewählteren, beschränkteren Zahl von Fällen am Platze sind. Mit einer kurzen hypothetischen Betrachtung will ich schliessen.
Kaum unterliegt es einem Zweifel, dass die wesentliche physikalische Veränderung der Materie bei extremen Verdünnungsgraden in einem ausserordentlichen Auseinanderrücken der kleinsten Theilchen und dadurch ermöglichter besonderer Molekularbewegung zu suchen ist. Hierdurch werden Verhältnisse geschaffen, die man als einen neuen Aggregatzustand bezeichnet hat.
Bei der Stoffumsetzung im menschlichen Organismus selbst treten gewiss ähnliche Zustände der Materie auf. Die Schnelligkeit und Eigenartigkeit vieler Lebenserscheinungen, besonders auf dem Gebiete der Gehirn- und Nerventhätigkeit weist darauf hin.
Bei diesen physikalischen Wechselzuständen der Materie herrscht ein Constantes, die chemische Verwandtschaft. Die durch letztere garantirten Beziehungen bleiben also stets aufrecht erhalten. Mit der Rarefaktion des Stoffes werden jedoch mehr und mehr die Affinitätsbeziehungen verschärft, weil für die Verwandtschaften geringeren Grades keine Molekule mehr übrig bleiben. Hierin liegt eine Erklärungsmöglichkeit für die bestimmtere Ausprägung und den spezielleren Symptomkreis der Hochpotenz. Geht der Verdünnungsgrad der Materie bei den Hochpotenzen weit über jenes Mass hinaus, welches beim gewöhnlichen Fluss des organischen und animalen Lebens eingehalten wird, so lässt sich anderseits begreifen, wie erschütternd und hartnäckig die Wirkungen der Hochpotenzen sein können, weil keine oder nur höchst seltene Kräfteauslösungen stattfinden, welche in ähnlicher Verdünnungs- und Bewegungsphäre eine neutralisirende oder ableitende Wirkung auf die einzigartige Arzneikraft ausüben und diese wieder aufheben könnten.


Quelle: "Zeitschrift des Berliner Vereines homöopathischer Aerzte" Zweiter Band. 1883 - Seiten 81 - 91