Tag 7 – Auf der anderen Seite des Mississippi

Wir verbrachten den Rest des 6. Tages also in Rantoul, einer Stadt, die sicher einmal bessere Zeiten gesehen hatte, genauso wie ihr Flugplatz und die Air Force Basis, die sich darauf befunden hatte. Der Eindruck bestätigte sich in der Natur des Taxifahrers genauso wie im Motel, in dem wir die Nacht über blieben. Vielleicht wirkt diese Melange aus Pioniergeist und Verfall besonders aus dem Blickwinkel eines Europäers eigenartig, ich kann ihr aber auch etwas Reizvolles und Liebenswertes abgewinnen. Man muss sich eben nur auf sie einlassen und darf nicht versuchen, besserwisserisch gegen sie anzukämpfen. Aber das würde wohl an dieser Stelle zu weit führen, deshalb beschränke ich mich lieber auf unsere unmittelbare Reise.

Am Morgen knipste ich noch ein paar Fotos des Luftfahrtmuseums, das sich auch am Flughafen befand. Leider hatten wir die Zeit nicht, es von innen zu besuchen, aber einige der betagten Damen (Amerikaner bezeichnen Autos, Schiffe und Flugzeuge immer als weiblich) standen dicht gedrängt in einem umzäunten Areal gegenüber unserer Gyros.

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Wir starteten in Richtung St. Louis, dem Tor zum Westen. Hier sollten wir auch auf den Mississippi treffen, der den Osten Amerikas vom Westen trennt. Außerdem erwarteten uns am St. Charles County Smartt Airport (KSET) eine Gruppe amerikanischer Gyropiloten, die uns ihr Infrastruktur und tatkräftige Hilfe zur Verfügung angeboten hatten.

Gleich nach dem Start von Rantoul rastete ich die Approachfrequenz von Champaign, um mich dort beim Fluglotsen anzumelden. Es wäre auch möglich gewesen, diesen Luftraum zu vermeiden, allerdings wollte ich nach unserem Patzer in Cleveland diese Gelegenheit auch als Übung nutzen. Also setze ich meinen Spruch ab: „Champaign Approach, Experimental Delta Mike Romeo Charlie Alpha, flight of two, just departed Rantoul, 2500, VFR en route to Kilo Sierra, Echo Tango, typo of aircraft is Hotel X-Ray Alpha, requesting flight following.“ Ohne weitere Umstände nahm der Controller uns unter seine Fittiche und entließ uns mit freundlichen Wünschen für einen schönen weiteren Flug etwa 40 Meilen nördlich von St. Louis. Alles kein Problem, funktionierte wie am Schnürchen.

Am Weg passierten wir die Industriestadt Decatur. Hier fiel uns neben dem eindrucksvollen Industrieviertel mit Bahnhof auch ein intensiver, verbrannter Geruch auf, der aber nicht von unseren Gyros stammte sondern von irgendeiner Fabrik unter uns. Ich konnte mir beileibe nicht vorstellen, hier zu leben.

Schließlich näherten wir uns St. Louis, und auch hier nahm ich wieder Kontakt mit dem Controller auf, was ebenso problemlos ablief. Unmittelbar vor der Landung überflogen wir den Mississippi. Da wir aber noch einen Tag hier verbringen wollen, werde ich wohl noch Gelegenheit haben, mehr davon zu sehen.

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Gleich am Flugplatz trafen wir Burt, Greg, Tom, Paul und ein paar andere Flugbegeisterte, die sich ein Treffen mit uns Österreichern nicht entgehen lassen wollten. Ganz allgemein haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass unser Vorhaben mit den Gyros die USA zu überqueren, auf sehr viel Gegenliebe und Enthusiasmus stößt. Man nimmt Anteil an unserem Abenteuer und bietet uns Unterstützung an. Ein sehr amerikanischer Wesenszug, der vielleicht mit der Pioniervergangenheit der USA zu tun hat. Man muss eben zusammenhalten.

Fast jeder der Anwesenden baute an seinem eigenen Flugzeug. Man verbringt das Wochenende im Hangar, der mit Maschinen und Werkzeug bestens ausgestattet ist. Dort bohrt und schraubt man an seinem Flugzeug, erzählt sich Geschichten, fliegt ein bisschen in der Gegend herum oder schaut den anderen einfach zu. Auch etwas, was Europa fehlt. Bei uns gibt es kaum eine Eigenbauszene unter den Piloten.

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Greg ist ein Fluglehrer und hat angeboten, uns zusammen mit Paul die amerikanische Sport Pilots License für Gyros zu verleihen. Dazu mussten wir mit Greg zuerst ein bisschen fliegen. Erst im MT03 und dann in seinem Magni M16. Dazu muss man sagen, dass Greg 104 kg wiegt. Zusammen mit meinen 90 kg und den 260 kg Leergewicht waren wir bereits über den 450 kg Maximalgewicht. Bei 20 Litern Sprit in den Tanks sowieso. Außerdem war es schwül und ca. 30 °C heiß. Kaum ein Lüftchen. Wer etwas vom Fliegen versteht, weiß, dass sich ein Gyro unter diesen Bedingungen ganz anders anfühlt als sonst. Dennoch es ging alles gut und wir erhielten seinen Segen und können morgen mit Paul einen Prüfungsflug absolvieren.

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Unsere Gyros vom Typ MT03 zogen sehr viel positive Aufmerksamkeit auf sich. Jedes technische Detail wurde begutachtet und wir mussten zu allem Rede und Antwort stehen. Die starre Verbindung des Prärotators zur Antriebsrolle und die zur Trimmmung und Rotorbremse verwendete Pneumatik erweckte besonders viel Interesse. Jedenfalls muss das Gerät zuverlässig sein, sonst würden wir uns wohl nicht auf ein solches Unterfangen nach San Diego zu fliegen einlassen.

Am Abend kehrten wir dann noch beim Mexikaner ein und genossen eine eiskalte Cervesa oder zwei. Danach waren wir wieder einmal todmüde und vielen einfach ins Bett. Am Samstag steht dann der Prüfungsflug an. Außerdem wollten wir den botanischen Garten zu homöopathischen Zwecken besuchen und vielleicht einen kleinen Rundflug um St. Louis herum machen. Ob das alles in einem Tag Platz hat?

– Robert & Chris.