Tag 14 – Der Ruf des Westens

Jeden Tag betrachten Robert und ich unseren „Brotkrumenpfad“ am Internet of Roberts Webseite. Meistens sitzen wir dabei in einer Bar (bis jetzt hatte noch fast jede eine Internetverbindung für uns) bei einem Glas Bier und lassen den Tag noch einmal Revue passieren. Wir sind jetzt schon ziemlich weit im Westen, aber der Drang noch weiter vorzustoßen hat deswegen nicht nachgelassen. Bis jetzt hat jeder Tag etwas Neues – manchmal auch Unerwartetes – gebracht, und die Landschaft hatte sich stetig geändert. Wir waren nun in der hohen Wüste der Rocky Mountains. Die Luft ist hier schon dünn in über 2.000 m Seehöhe, besonders wenn man die unter Tags doch recht hohen Temperaturen berücksichtigt. Denn große Höhe und hohe Temperatur machen unseren Gyros das Fliegen schwer. So brauchen sie jetzt deutlich mehr Startstrecke und das Steigen geht deutlich zäher von der Hand. Die Motorleistung beträgt in dieser Luft auch nur ca. 75% von jener auf Meereshöhe.

Zusammen mit den geänderten Flugeigenschaften stellt natürlich auch die Einsamkeit der Wüste eine Herausforderung dar. Denn sollte einmal einer von uns unerwartet Landen müssen, gibt es weit und breit keine Hilfe. Deswegen haben wir dies schon bei der Routenzusammenstellung berücksichtigt und folgen, wo möglich, den Straßenverläufen. Das Gebrigsfliegen birgt auch noch die Gefahren starker Turbulenzen und Verwirbelungen, die enstehen, wenn der Wind über die schroffen Kämme und Gipfel bläst. All das kommt aber nicht unerwartet, und wir haben uns gut darauf vorbereitet. Wir gehen keine unnötigen Risiken ein und landen lieber einmal öfter oder nehmen einen Umweg in Kauf.

Die Wetterlage ist derzeit typisch für dieses Gebiet. Es gibt klare, trockene Morgen, und am frühen Nachmittag bilden sich Quellwolken mit oft sehr heftigen Regen- und Gewitterschauern. Es gilt also, möglichst früh aufzustehen und den Tag bis zu Mittag gut zu nützen. Heute waren bereits um 8:37 Uhr in der Luft – ein Rekord für uns. Allerdings ist es mein Traum, einmal einen Sonnenaufgang im Flug zu erleben. Ich denke mir, dass übermorgen die Chance dazu besteht, wenn wir am Grand Canyon sind.

Nach dem Start von Santa Fe nahmen wir Kurs auf Grants-Milan. Da uns die Route unmittelbar am Luftraum von Albuquerque vorbeiführte, kontaktierte ich die zuständige Fluglotsin, die Robert und mich auch ohne Umstände unter ihre Fittiche nahm. Kurz darauf bemerkte ich, dass das Treibstoffniveau im linken Tank deutlich rascher sank als es unser Verbrauch erklären konnte. Ich kannte dieses Problem bereits, das auftritt, wenn man die Tanks zu voll füllt. Dann scheint nämlich die Belüftung des rechten Tanks nicht zu funktionieren, und der Treibstoff wird hauptsächlich aus dem linken entnommen. Ich änderte daher unsere Flugplanung und nahm Kurs auf Double Eagle Airport, um dort zu landen und nach dem Rechten zu sehen. Da es sich dabei um einen kontrollierten Flugplatz handelt, und ich die notwendigen Anfluginformationen nicht zur Hand hatte, musste ich etwas Luftakrobatik spielen. Denn während ich möglichst kontrolliert weiter flog (man will sich ja vor der Fluglotsin keine Blöße geben), musste ich die Gurte lockern, mit einer Hand nach dem Rucksack tasten, die richtige Tasche öffnen, das richtige Flugbuch ertasten, es herausnehmen ohne dass es der Wind sofort weg bläst, die passende Seite finden und die klein gedruckte Information auch lesen. Ich schaffte das Kunststück und behielt auch die korrekte Seite des Gyros dabei nach oben. Nur Robert, der dicht neben mir flog, merkte, dass etwas anders war als sonst.

Nachdem wir gelandet waren, maßvoll nachgetankt hatten und sich das Treibstoffniveau wieder angepasst hatte, flogen wir weiter. Dabei änderte sich der Charakter der Wüste, und neue Eindrücke gab es zuhauf. Das Ockerbraun wich immer mehr einem Rotbraun und statt der Hügel flogen wir über Hochebenen, mit eingelagerten Hochplateaus. Ohne viele Worte zeige ich hier einfach ein paar Bilder, die uns am Flug vor die Linse kamen.

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Robert gelang es auch, mich im Flug zu fotografieren.

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In der Nähe von Grants-Milan sahen wir eine Oase in der Wüste, die sich von oben gesehen als Golfplatz entpuppte.

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Mit fortschreitender Tageszeit entwickelten sich zunehmends Quellwolken ringsum. Sie waren allerdings noch zu klein, um uns Sorgen zu bereiten. Wir wussten aber, dass sich in nur 30 Minuten aus diesen harmlosen Wölkchen riesige Türme aufbauschen können, die zu heftigen Regen- und Gewitterschauern führen. Wenn das passiert, wollten wir unbedingt am Boden sein.

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Der Flug unter einer solchen Wolkenformation hindurch ist der Traum jedes Segelfliegers, denn die Wolken sind wie riesige Staubsauger, die alles in die Höhe saugen. Man kann in solchen Thermikblasen auch die Gerüche vom Boden ganz intensiv riechen: Blumenduft, Jauche, frisch gemähtes Gras, all das ist in 1.000 m über Boden eindeutig wahrnehmbar. Es ist ein tolles Gefühl da durchzufliegen, allerdings braucht man einen guten Magen, den es kann sehr turbulent werden.

Innerhalb der nächsten 20 Minuten entwickelten sich die Wolken eindeutig weiter und entwuchsen dem Kindheitsalter. Hier sind sie schon eindeutig in der Pubertät.

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Wir entschlossen uns, in Gallup zu landen, bevor sie noch erwachsen werden konnten. Und das war ein weiser Entschluss, denn kaum waren wir gelandet, als uns schon laute Donnerschläge und erste Regentropfen begrüßten.

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Wir sitzen im sicheren Hotelzimmer, und ich betrachte den noch feuchten Asphalt am Parkplatz. Er bestätigt eindeutig, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten.

– Robert & Chris.