Surinam 2002, Reisebericht Robert Müntz

Auf den Spuren Constantin Herings

von Robert Müntz

Der Regenwald des Amazonas war schon seit mehreren Jahrhunderten Ziel von Forschungsreisen, oft auch mit dem Ziel, neue tierische oder pflanzliche Stoffe zu entdecken. Constantin Hering trat 1827 seine Reise auf Geheiß des Königs von Sachsen nach holländisch Guiana an, um hier zoologische und botanische Studien zu betreiben. Eine Reihe von heute sehr bedeutenden Arzneien wie z.B. Cocculus oder Lachesis muta gehen auf diese Zeit Herings im Urwald von Surinam zurück.
Wir haben uns zur Reise nach Surinam entschlossen, um die Buschmeister und die bisher in der Homöopathie noch ungeprüften Pfeilgiftfrösche (Dendrobates ssp.) zu fangen und deren Gift vor Ort zu potenzieren. Unsere Gruppe bestand aus Kurz Christian, Homöopath und Kernphysiker, Verena soltiz, Kameraführung, und meiner Person, Robert Müntz, Apotheker.

 

Es hat sich bei meinen bisherigen Reisen häufig als erfolgreich erwiesen, die ortskundigen Führer für unser Vorhaben direkt bei Ankunft am Zielort zusammenzustellen. Wir hatten diesmal besonders großes Glück einen Führer zu finden, der es zu seinem Beruf gemacht hat, Schlangen und Pfleigiftfrösche zu fangen und in Übersee weiterzuverkaufen. Es handelte sich um den aus Moskau abstammenden Igor, der große Teile der Welt zum Zwecke des Reptilienfanges schon bereist hatte.
Nach einem Biß einer Crotalus atrox verlor er das letzte Glied seines linken Zeigefingers durch Selbstamputation.

 

Unser Plan war es, mit einer Cessna von der Hauptstadt Paramaribo in den Süden knapp an die Grenze zu Brasilien in des Dorf Alalapadu zu fliegen. Hier leben Indianer vom Stamm der Trio, eine kleiner Volksstamm, der zu den Ureinwohnern Surinams zählt.
Dieses Gebiet nahe an der Brasilianischen Grenze ist hinsichtlich der Dendrobatae (Pfeilgiftfrösche) einer der bevorzugten Stellen Surinams und ist als sehr ruhiger Platz bekannt.



Die Organisation des Abfluges mit einer Cessna gestaltete sich als sehr aufreibend, zumal wir im letzten Moment wesentliche Teile unserer Ausrüstung aus Gewichtsgründen zurücklassen mußten. Nach knapp 2h Flug landete wir auf einer schmalen aber überraschend gut gepflegten Urwald-Landepiste, wo wir von der freundlichen Indianergemeinde Alalapadus empfangen wurden. Nach kurzem Marsch durch den Urwald erreichten wir das Dorf, das aus etwa 10 Palmhütten bestand. Wir hatten die Ehre, in der Hütte des Häuptlings unsere Unterkunft zu finden, wir waren erst die zweiten Besucher dieses Dorfes, vor eine Jahr war eine Gruppe amerikanischer Schmetterlingsforscher zu Gast in Alalapadu.


In unmittelbarer Nähe unserer Hütte befand sich ein Fluß, der das Zentrum der Kommunikation des Dorfes darstellte und uns als willkommene Möglichkeit der Erfrischung und Körperreinigung diente.
Die Einwohner betreiben auf Alalapadu einfachen Landbau, man findet vor allem Cassave und Maniok als Kohlenhydratlieferanten am Speisezettel. Letztere Frucht muß in einem sehr arbeitsintensiven Vorgang erst geschält, zerrieben und vom blausäurehältigen Saft durch Auspressen befreit werden, bis sie endlich zu Brotfladen oder Casiri, einem leicht alkoholischen Getränk verarbeitet werden kann.
Einen zögerlichen Beginn eines Handels mit der Hauptstadt findet man hier durch die Anwesenheit von Parabäumen (Brazil nut), die die sehr fetten und angenehm schmeckenden Nüsse tragen.

Als sehr erfreulich wurde von uns die geringe Belästigung durch Moskitos empfunden, es gibt in diesem Gebiet auch keine Malariaerkrankungen. Dafür ist diese Gegend aber bekannt für die scabieshervorrufenden Milben und für eine Zeckenart, deren Biß 1 Jahr lang Schmerzen verursachen soll.

Schon am nächsten Tag starteten wir zu einem Marsch in den Urwald, der uns helfen sollte, uns an die schwierigen klimatischen Verhältnisse zu gewöhnen. Die annähernd 100%ige Luftfeuchtigkeit und die Temperaturen von ca 30 – 35°C machten schon geringe körperliche Tätigkeiten zu einer mittleren Anstrengung.
Die Märsche wurden in den darauf folgenden Tagen immer weiter ausgedehnt und wir hatten sehr bald einen guten Überblick vom Urwald dieser Region. Wir kamen an Bäumen vorbei, die mächtig in den Himmel ragten – ich war vom Kölner Dom ähnlich beeindruckt – und an denen sich Lianen von etwa 40 cm Dicke emporrankten. Wir kamen an weit entlegenen Pflanzungen des Indianerdorfes vorbei, sie wurden erst vor kurzem durch Brandrodung urbar gemacht.

 

Riesenjagdameisen – Paraponera clavata

Wir haben uns an einem der darauf folgenden Tage zu einer Nachtwanderung im Urwald entschlossen, da die meisten Tiere des Regenwaldes nachtaktiv sind und wir mit mehr „Attraktionen“ rechnen konnten. Wir rüsteten uns mit modernen Dioden-Stirnlampen, starken Stableuchten und Gewehren für das nächtliche Unternehmen aus.
Tatsächlich stießen wir auf eine ungewöhnlich große Anzahl von Tieren im sonst so ruhigen Wald. Darunter befanden sich 3 Schlangen und zahlreiche Riesenjagdameisen, auch Veintiquattro (=24 Stunden) genannt. Sie tragen ihren Namen wegen ihrer Eigenschaft, nach einem Stich heftigste Schmerzen und Fieber zu verursachen, die über 24 Stunden andauern. Wir sammelten 2 Exemplare für die Potenzierung und das Referenzarchiv unseres Labors.

Die spätere exakte Bestimmung der Ameisen ergab Paraponera clavata, die zwar die kleinere Vertreterein der Riesenjagdameisen ist, die jedoch ein wesentlich heftiger wirkendes Gift abzugeben vermag. Sie unterscheidet sich von der größeren und kaum behaarten Dinoponera gigantea durch einen deutlichen Höcker am Rücken direkt hinter dem Kopf. (1)

Eine weitere Arznei als Ergebnis unseres Urwaldaufenthaltes war ein schwarzer Skorpion mit der Gesamtlänge von etwa 5cm, dessen Unterseite sich grau abgehoben zeigte. Davon wurde die ganze Giftblase mit einem daran hängenden Topfen klar durchscheinenden Giftes potenziert.

 

Buschmeister

Unser Vorhaben, eine Buschmeister zu fangen und ihr in Anlehnung an die historische Arzneimittelfindung Constantin Herings Gift abzunehmen, war leider nicht erfolgreich. Unser Führer, der das Fangen von Schlangen aus beruflichem Interesse machte, fand in den vergangenen Jahren hunderte Botrops atrox, ebenso zahlreiche Rainbow-Boas und Amerod Treeboas (?), jedoch nur 5 Lachesis muta Exemplare, von denen nur die jungen in Gefangenschaft überlebten. Die ältere, erwachsenen Tieren verweigerten in Gefangenschaft die Nahrungsaufnahme und verstarben bald. Hinzu kommt auch der Umstand, daß Lachesis muta bei den Eingebohrenen sehr gefürchtet ist, immerhin ist sie die größte Giftschalnge Südamerikas. Es ist daher nur verständlich, daß Funde von Buschmeister die Indianer nicht oft dazu verleiten können, sie einzufangen und unserem Führer gegen geringes Entgelt zu bringen.
Statt der Lachesis muta konnten wir einer Boa constrictor habhaft werden, die eine Indianerin in der Nähe einer Plantage aufgeschreckt hatte.

Diese Schlange wurde schon früher bei einer Reise an den Rio Negro/Brasilien von mir der Homöopathie zugänglich gemacht: Damals wurde das Fett der Schlange verrieben und von Frau Dr. Uta Santos König in einer AMBP geprüft, die Arznei wird Boa constrictor oder Adeps Boae constrictoris bezeichnet. (2)

 

Fledermausblut

Wieder zurück in Paramaribo versuchen wir Fledermäuse einzufangen, um deren Milch oder Blut zu potenzieren. Dies gestaltete sich als nicht ganz einfaches und schmerzloses Unternehmen: Wir suchten eine sehr alte und fast verfallene Hütte in kaum bebautem Gebiet im Vorstadtgebiet der Hauptstadt Paramaribo auf und stülpten über alle Öffnungen im Dach ein Vogelnetz. Dabei passierte es, daß wir ein Fischwespennest im Gebälk des Hauses übersehen hatten und einer unser Begleiter von einer Wespe genau zwischen den Augen gestochen wurde. Er klagte über enorme Schmerzen und Schwindel und es trat wenig später eine Schwellung der Größe eines Tischtennisballes auf. Die Augenpartie schwoll derart an, daß der bedauernswerte Mann einen ganz entstellten Gesichtsausdruck bekam.
Am nächsten Tag fanden wir tatsächlich eine Fledermaus im Netz, die ein soeben geborenes Jungtier an der Nabenschnur trug. Wir brachten beide Tiere vorsichtig zu einem Tisch, befreiten sie aus dem Netz und entnahmen dem Muttertier mittels einer Insulinspritze einen Tropfen Blut, der sofort nach Organon 6 §270 zur C1 verrieben wurde.

Der Versuch, dem Tier Milch abzunehmen, mißlang, offenbar war die Milchleiste noch nicht sehr ausgebildet war und wir wenig Übung im Melken von Fledermäusen hatten. Nach eingehender Dokumentationen ließen wir die Fledermaus mit ihrem Jungen frei, sie verschwand rasch im Geäst eines nahegelegenen Baumes.

Weitere Arzneien unserer Reise sind Passiflora edulis und Nelumbo nucifera, die Lotuswurzel, die nun in der C3-Triurationsqualität zur Verfügung stehen.

Abschließend möchte ich bemerken, daß diese Reise aus der Sicht der Homöopathie eine meiner erfolgreichsten war, nicht nur wegen der zahlreichen neuen Arzneien, die wir im Urwald gefunden hatten. Auch hinsichtlich unserer Nachforschungen über Constantin Herings Zeit in Surinam von 1827-1833 gab es eine Reihe von neuer, wesentlicher Geschichtsdaten, über die ich gemeinsam mit Dr. Kurz zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich berichten werde.

Robert Müntz
im Mai 2002


1. Die Untersuchung erfolgte durch Dr. Stefan Schödl, zweite Zoologische Abteilung, Naturhistorisches Museum Wien, stefan.schoedl@nhm-wien.ac.at
2. Literatur bei Dr. Uta Santos, Sternwartestraße 82, A-1180 Wien

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