Tag 5 – Jeder für sich.

Der 5. Tag sollte ein besonders spannender werden, besonders für einen von uns. Aber ich beginne wohl am besten vom Anfang.

Den Morgen begannen wir mit unserer üblichen Routine: Internet und eMail checken, den Reisebericht hochladen und den Flug vorbereiten. Vor allem die Flugvorbereitung ist für das Fliegen in einem offenen Cockpit besonders wichtig. Denn hat eine Boeing 747 einen Autopilot, einen Copilot und ein windstilles Cockpit für beide, so ist im Gyro alles etwas anders. Zunächst muss man gleichzeitig fliegen, navigieren und den Funk bedienen. Braucht man dann noch ein anderes Kartenblatt, wird das zum Problem, da der Wind ein Entfalten einer normalen Karte einfach nicht erlaubt. Deshalb haben wir einen kleinen Drucker mitgebracht, auf dem wir die elektronischen Karten vom Laptop ausdrucken können. Gefaltet und in ein Buch von leeren Plastikhüllen geschoben, lässt sich dann im Flug einfach durch Umblättern der Kartenausschnitt wechseln. Problematisch wird dies nur, wenn der Fluglotse kreativ wird und der verlangte neue Kurs nicht auf einem der vorbereiteten Ausschnitte zu sehen ist.

Hier sind Robert und ich am frühen Morgen bei der Flugplanung. Dass Robert um 6 Uhr morgens im Hotelzimmer seine Sonnenbrillen trägt liegt daran, dass er seine normalen Gläser im Gyro vergessen hat.

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Unser erster Abschnitt brachte uns von Jamestown nach Concord zum Auftanken. Da wir an diesem Tag auch durch den komplizierten Luftraum um die Großstadt Cleveland fliegen wollten, übten wir ein bisschen Formationsfliegen im unkomplizierten Luftraum. Ich war vorne und Robert hinter mir. Es klappte alles wie am Schnürchen und wir landeten rund 2 Stunden später in Concord.

Der Flugplatz machte einen etwas heruntergekommenen Eindruck, mit holperiger Piste, rostigen Hangars und einer alten Zapfsäule. Dazu passend empfingen uns zwei alte Herren, die uns halfen, unsere Gyros zu betanken. Es stellte sich heraus, dass einer davon 81 Jahre alt ist, sein Flugzeug Marke „Eigenbau“ nach 16 jähriger Bauzeit vor zwei Jahren fertiggestellt hatte und es mit einem halben (2 Zylinder) VW-Motor antreibt. Er hat vor, es nächstes Jahr um 2 Zylinder aufzustocken.

Concord liegt am Rande des Luftraumes rund um Cleveland, den wir durchfliegen mussten. Als wir von Concord starteten, gingen wir auf den geplanten Kurs. Nach dem Wechsel der Frequenz auf die Anflugkontrolle von Cleveland, schien für mich alles in Ordnung zu sein. Dass ich Robert nicht sehen konnte war klar, da er ja hinter mir flog. Erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, erhielt ich, als ich auf der Anflugkontrollfrequenz plötzlich Roberts Stimme vernahm: „Chris, flieg langsamer!“ Ich reduzierte die Geschwindigkeit von 140 auf 100 km/h und flog weiter meinen Kurs. Aber trotz einiger vorsichtiger Kurven und Blicke hinter mich, konnte ich Robert nicht sehen. Ich versuchte alle möglichen Frequenzen, um Robert am Funk zu sprechen, meine Rufe: „Robert, hörst du mich?“ verschallten alle ungehört. Nachdem ich schließlich auch noch nach Concord zurückgeflogen war und ihn auch dort aus der Luft nicht erblicken konnte, kam ich zur Ansicht, dass er wohl vor mir sein musste und wir uns irgendwie verpasst hatten. Also nahm ich wieder Kurs auf und flog weiter, in der Annahme, dass wir uns entweder entlang des Weges oder spätestens bei unserem nächsten Stop wiedersehen würden.

Mein Kurs führte mich etwa 3 km vom Ufer entfernt nach Westen in einer Höhe von 1500 Fuß. Dort traf ich auf eine interessante Boje, die aussah, als ob dort tatsächlich jemand leben würde.

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Hier ein Blick auf die Skyline von Cleveland.

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Es war ziemlich schwierig mit einer Hand zu fliegen und mit der anderen zu fotografieren, ohne in der ziemlich turbulenten Atmosphäre irgendeinen Luftraum zu verletzen. Hier noch ein Foto, dass stellvertretend für die Finanzkrise sein könnte. Tausende unverkaufte Autos dicht gedrängt auf einem Fleck.

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Als ich Cleveland hinter mir ließ, sah ich Anzeichen einer teureren Wohngegend, wo jedes Haus neben einer Garagenzufahrt auch eine eigene Anlegestelle für das Familienboot hatte.

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Aber anscheinend braucht nicht nur jede Familie ihr Boot sonder auch jedes Haus seinen Teich.

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Und so landete ich 2.5 Stunden später in Wood County Airport in der Stadt Bowling Green im Bundesstaat Ohio. Robert hatte ich weder in der Luft noch am Boden angetroffen und hoffte, dass er nicht in Schwierigkeiten gekommen war.

Nach der Landung nahm ich sofort mein Handy aus der Hosentasche und fand eine SMS von Robert vor: „Bin zurück in Concord, wo bist du?“ Ich war sehr erleichtert, ihn an der Strippe zu haben und wir vereinbarten, dass er auf eigene Faust von Concord nach Wood County fliegen sollte. Da Roberts Gyro keinen Transponder eingebaut hatte, durfte er eigentlich nicht alleine durch den Luftraum von Cleveland fliegen. Aber Gyros sind klein und am Radar schwer zu sehen, weshalb wir vereinbarten, dass Robert niedrig, langsam und etwas weiter draußen am See fliegen sollte, um den wachsamen Augen des Radars zu entgehen.

Ich rief Robert am Handy alle 15 Minuten an und war erleichtert, wenn sich jedesmal niemand meldete. Das bedeutete, dass er noch in der Luft war und nicht schon von einem Polizeihubschrauber abgefangen worden war. Schließlich landete Robert pünktlich nach 2:30 Stunden und war nervlich sichtlich etwas mitgenommen. Wir lernten beide aus diesem Vorfall, dass das Fliegen in Formation einer zusätzlichen Planung bedarf; dieser Fehler wird uns sicherlich kein zweites Mal passieren.

Es war mittlerweile 19 Uhr, und für ein Weiterfliegen zu spät. Am Flugplatz trafen wir zwei Gentlemen, Nate und Mike, die – wie viele andere auch – Interesse an unseren Gyros zeigten. Wir kamen ins Gespräch und entschlossen uns, gemeinsam ein paar Bier trinken zu gehen. Mike fuhr übrigens eine wunderschöne Corvette Baujahr 1965.

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Beim Biertrinken erzählten wir unsere Geschichte und erwähnten auch unser Ziel, homöopathische Arzneisubstanzen zu sammeln, allen vorn Büffelsperma. Mike hörte das und sagte, dass er eventuell das Sperma eines Bullen auftreiben könnte. Dazu müssten wir zusammen nach Fort Wayne fliegen, was zufälligerweise kaum einen Umweg für uns bedeuten würde.

Also werden wir am Donnerstag Mike anrufen und versuchen die Spermasammlung zu organisieren. Wir hoffen, Mentone noch am selben Tag zu erreichen und am Freitag in St. Louis einzutreffen, wo uns einige Freunde erwarten.

 

Robert & Chris.

 

Anmerkung von Robert:
Es war ein etwas bemerkenswertes Gefühl, die Skyline von Cleveland mit ihren riesigen Gebäuden immer größer werden zu sehen und offiziell in Formation zu fliegen, ohne jedoch das Leitflugzeug zu sehen oder zu hören...