Dinoponera – eine neue Arznei? von Robert Müntz
Anläßlich einer Reise zum Amazonas, die die Suche und Aufbereitung der Fischarznei Pyrarara zum Ziel hatte, stieß ich auf eine Caboclosiedlung ca. 150km nordwestlich von Manaus am Rio Negro. Im Laufe des Gesprächs mit den Einheimischen erfuhr ich von einer Stelle im Urwald ca. 30 Gehminuten von der Siedlung entfernt, wo es die gefährlichen „Formigas“ geben soll, die unter dem Namen Veintiquattro in ganz Amazonien bekannt sind. Es handelt sich dabei um eine Riesenjagdameise, deren Gift 24 Stunden lang heftige Schmerzen und Fieber verursacht und von der Alexander von Humboldt schon berichtete. Wir machten uns dorthin auf den Weg und erreichten bald die Stelle am Fuß eines großen Baumes. Man zeigte uns den Eingang des Baues aus sicherer Entfernung, der aus einem eher unscheinbaren Loch mit etwa 5cm Durchmesser bestand. Ich ging daran, mittels eines Speeres darin herumzustochern, und sehr rasch kamen einige Exemplare hervor. Ich war von deren Größe sehr beeindruckt, sie maßen etwa 4 cm Länge und hatten sehr kräftig ausgebildete Mandibeln. In der Folge wurden einige Exemplare in einem kleinen Gefäß mit 96% Alkohol getötet und später in unserem Labor nach Vorschrift 4a des HAB1 hochpotenziert. Dr. Walter Glück erklärte sich bereit, eine homöopathische Arzneimittelbildprüfung dieser noch nicht beschriebenen Zubereitung durchzuführen, da dieses Insekt aufgrund seiner Bißwirkungen eine durchaus bedeutende Arznei zu sein versprach. Noch während der Prüfung stellte man beim Literaturstudium jedoch fest, daß es mehrere Arten dieser Riesenameisen unter derselben Bezeichnung „24 Stunden Ameise“ gab, weshalb die Prüfung vorzeitig beendet wurde.
In der Zwischenzeit wurde jedoch die Identität zweifelsfrei mit Dinoponera festgestellt, womit also weiteren Prüfungen nichts im Wege steht. Im Anschluß finden Sie die Übersetzung einer Publikation zum Thema der Formicidae von der University of California. Riesenjagdameisen
Formicidae, Ponerinae, Dinoponera und Paraponera, spanisch: Calentura, perros negros, jaulas (Peru). portugiesisch: Tocandiras (vars. tucanderas, tacanduiras, toucandeiras, etc.), vinte-e-quatros, formigas de febre, formigas de quatro picadas (Brazil).
Die beiden folgenden und bekanntesten Vertreter der Riesenwaldameisen werden irrtümlich öfters als eine Art betrachtet und mit anderen großen, schwarzen Vertretern der Tocandira verwechselt.
Gemäß Sampaio (Lenko und Papavero 1979), stellt dieser Name eine Verschmelzung der Bezeichnungen turcaba-ndy oder tucana-ngi, in der Tupisprache für „jene, die mit ihrem Hinterleib besonders starke Schmerzen verursachen“, dar, ein augenscheinlicher Hinweis auf die stark schmerzenden Bisse, die sie verursachen. Die kleineren Paraponera sind die aggressiveren und hinsichtlich ihres Bisses potenteren Vertreter und sie können sich gegen eine gesunde erwachsene Person durch ihren giftigen Stich erfolgreich zur Wehr setzen, ein Stich, dessen Wirkung mit dem Schlag eines Hammers oder eines Geschoßes verglichen wird. Die schwerwiegenden Symptome als Folge eines Stiches dauern mindestens einen Tag und äußern sich durch einen stark brennenden Schmerz, der sich rasch von der Bißstelle ausbreitet. Weiters treten Atembeschwerden, Herzrhythmusstörungen und Fieber auf (Weber 1939, orig. obs.). Es wird in der Folge auch von Todesfällen berichtet, die aber durch die Literatur nicht bestätigt wurden.
Die größeren Dinoponera sind etwas weniger aggressiv und ihr Stich hat weniger heftige Wirkungen als jener von Paraponera. (Hermann et al. 1984). Auf Grund ihrer Wildheit und Fähigkeit, starke Schmerzen zu verursachen, sind diese Ameisen in Initiationsriten und Mannbarkeitszeremonien von Indianerstämmen des Amazonas integriert. (Liebrecht 1886). Dabei werden zahlreiche Ameisen gefangen und an einer speziellen Platte aus Korbgeflecht festgebunden und mit der Haut des zu Initiierenden in engen Kontakt gebracht. Die zornigen Ameisen bedürfen dann keiner weiteren Reizung mehr, sie stechen sofort und mehrmals hintereinander zu. jenen jungen Männern, die das unerträgliche Experiment ohne zu klagen überstehen (und überleben) sind es wert, zum erwachsenen Mann zu werden.
Die Tocandira sind aber auch Gegenstand eines merkwürdigen Aberglaubens in ganz Amazonien. Die Geschichte sagt, daß die Ameisen angeblich die winzigen Samen einer Schlingpflanze oder Luftwurzel, der tamshi (Carludovica divergens) verzehren, welche von den Indianern zum Zusammenbinden ihrer Hütten verwenden. Die Samen keimen in den Ameisen noch zu Lebenszeit und werden später zu einer neuen Pflanze. Eine andere Version sagt, daß sich die Ameisen direkt in eine Pflanze umwandeln. Die Grundlage für diese Geschichte über diese Ameisen dürfte in ihrem häufigen Pilzbefall mit Cordyceps liegen. Cordyceps australis ist ein Pilz, der sich auf die Infektion von Ponerini in Gebieten des tropischen Regenwaldes spezialisiert hat. Be-vor die Ameisen sterben, legen sie sich auf ein Blatt oder einen Ast und werden dort vom Mycel fixiert, wo auch bald Pilzfäden aus ihnen hervorwachsen, die an eine eben austreibende junge Liane erinnern.
Tocandira-Ameisen sind stellvertretend für viele große Ameisen aus dem Stamm der Ponerini, die alle in kleinen Siedlungen mit etwa hundert Arbeiterinnen und einer Königin leben (Zahl 1972). Ihre Nester sind gewöhnlich Bauten am Fuß eines Baumes, der Eingang besteht oft aus einer Spalte im Erdreich neben dem Stamm. Die Arbeiterinnen sorgen für die Insektennahrung sowie für die Beschaffung von pflanzlichen Baumaterialen und weisen kein koordiniertes Verhalten im Sinn einer Arbeitsteilung auf. Sie sind auch nicht in einem Kastenwesen organisiert und sind äußerlich von den fortpflanzungsfähigen weiblichen Artgenossen kaum zu unterscheiden. Die Riesenjagdameisen können in den feuchtheißen Gebieten des tropischen Regenwaldes Amerikas angetroffen werden, sie fehlen ganz auf den Antillen und entlegenen Inseln.
Referenz HOGUE, Charles L. 1993: Latin American Insects and Entomology. University of California Press, Berkley and Los Angeles, California, 536 ff HERMANN, H. R., M. S. BLUM, J. W. WHEELER, W.L. OVERAL, J. O. SCHMIDT, and J.T. CHAO. 1984. Comparative anatomy and chemistry of the venom apparatus and mandibular glands in Dinoponera grandis (Guerin) and Paraponera clavat (F.) (Hymenoptera: Formicidiae: Ponerinae). Entomol. Soc. Amer. Ann. 77: 272-279. LENKO, K. and N. PAPAVERO. 1979. Instos no folclore. Cons. Estad. Artes Cien. Hum., Sao Paulo. LIEBRECHT, F. 1886. Tocandyrafestes. Zeit. Ethnol. 18: 350-352 WEBER, N. A. 1939. The sting of the ant, Paraponera clavata. Science 89: 127-128. Zahl, P.A. 1972. Giant ants of the Amazon. Nat. Geogr. Soc. Res. Repts. 1955-1960: 193-201
Übersetzung Robert Müntz
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