3 LAC-KASUISTIKEN ord@flick-ord.at
Die letzten zehn Jahre brachten der Homöopathie den stark betonten Ansatz des Familiendenkens mit neuen systematischen Ansätzen wie etwa bei Jan Scholten und Rajan Sankaran. Es werden gemeinsame Aspekte und Symptome von Pflanzen- und Tierfamilien wie Elementverwandtschaften postuliert, die zu einem großen Teil nicht aus Arzneimittelprüfungen stammen, sondern aus theoretischen Überlegungen. Wie viele klassisch orientierte Homöopathen war ich lange sehr skeptisch gegenüber diesem Vorgehen, da es der Willkür Tür und Tor zu öffnen scheint. Ich war mit meiner Arbeitsweise, die auf den Ergebenissen der Arzneiprüfungen aufbaut und das Repertorium als wesentliches Werkzeug der Arzneifindung benützt, sehr zufrieden, und auch die Ergebnisse meiner Arbeit mit meinen Patienten schien mir recht zu geben. Doch von Anfang an spürte ich auch eine gewisse Faszination und Neugier in Bezug auf diese neuen Wege der Homöopathie. Seminare bei Jan Scholten und Willi Neuhold zeigten anhand der vorgestellten Kasuistiken die Effektivität dieser Methoden auf. Ein besonderes Kapitel sind die Milch-Arzneien. Im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Systemen leitet sich das neue Wissen über diese Arzneien aus Prüfungen ab, die hauptsächlich von Nancy Herrick in den 90er-Jahren durchgeführt wurden. Diese Prüfungen sind leider methodisch betrachtet von geringer Qualität und Verlässlichkeit, da die Prüfer sehr fantasiebegabt waren und hauptsächlich psychische Befindlichkeiten protokollierten, jedoch sehr wenige körperliche Symptome. Solche Ergebnisse stimmen mich immer skeptisch. Außerdem wurden häufig Wesenszüge des entsprechenden Tieres sehr stark in den Vordergrund gerückt, was in das Kapitel Signaturlehre fällt, die stimmig sein kann aber auch nicht. Als Negativbeispiel sei unsere bekannte Lachesis erwähnt, mit ihrer im Arzneimittelbild bekannten Extravertiertheit, Gesprächigkeit, fordernden Art etc. Die Schlange selbst ist jedoch sehr scheu und zurückhaltend und beißt nur, wenn sie in die Enge getrieben wird. Das passt also gar nicht zusammen. Mein Verhältnis zu den Milcharzneien änderte sich schlagartig, als wir in unserem Arbeitskreis diese Arzneigruppe besprachen und meine KollegInnen ihre Kasusitiken vorstellten, die zu einem guten Teil gerade durch diese Charakteristika der entsprechenden Tiere gefunden worden waren und trotzdem geheilt hatten. Das traf vor allem für Lac felinum zu, das zwar geprüft ist und Symptome im Repertorium hat, über den Weg des Repertorisierens jedoch sehr schwer zu erkennen ist. Nun einige Kasuistiken zu diesem Thema: Marianne, geb. 11/2002 Schon in ihrem fünften Lebensmonat kommt ihre Mutter mit ihr zur Behandlung, da sie ihren Vater, der sehr einfühlsam ist, total ablehnt. Sie beginnt sofort zu schreien, wenn er ihr nahe kommt, wirkt dabei verzweifelt. Abends schreit sie bis zu einer Stunde. Tagsüber ist sie sehr geräuschempfindlich, kann da kaum schlafen. Nachts schläft sie gut. Sie braucht viel Nähe und Kontakt. Anfangs hat sie auch stinkenden Fußschweiß. In den ersten Monaten hilft Lycopodium mehrmals bei akuten Infekten und einem Hautausschlag am Hals. Gegen Ende ihres ersten Lebensjahres beginnt sich ihre Grundthematik herauszukristallisieren. Sie wird unruhig, ist mit nichts zufriedenzustellen, biegt sich aus Protest oft nach hinten durch. Sie ist unzufrieden und grantig, will getragen werden. Das erinnert sehr an Chamomilla, das jedoch mehrfach nichts bringt. Die Suche nach einem passenden chronischen Mittel gestaltet sich schwierig. Wiederholte linksseitige Otitiden führen zu Lachesis, was auch nicht hilft. Mit eineinhalb Jahren verschärft sich das Gemütsbild. Sie entwickelt Autoaggressionen, reißt sich an den Haaren, zwickt und kratzt sich. Teilweise ist sie sehr anschmiegsam, dann wieder extrem stur. Sie weiß genau, was sie will und rückt davon um keinen Millimeter ab. Mit dieser Konsequenz treibt sie ihre Mutter zur Verzweiflung. Sie tut was sie will, will bestimmte Dinge selbst ohne fremde Hilfe machen und duldet kein Gegenargument. Wenn es nicht nach ihrem Willen geht, kommt es zu extremen Trotzanfällen mit langem Schreien und Weinen. Aus diesen Anfällen findet sie sehr schwer heraus. Ihre Mutter empfindet das, als ob sie sich selbst „im Wege stehe" und wirklich leidet. Sie ist auch extrem wählerisch: sie zieht nur Dinge an, die ihr total gut gefallen, wo etwa auch etwas Bestimmtes draufstehen muss. Auch beim Essen ist sie extrem wählerisch. Sie weist auch Dinge zurück, die sie vorher angefordert hat. Im Gegensatz zu dieser Haltung in der Familie (es gibt auch einen älteren Bruder) ist sie im Kindergarten sehr ausgeglichen und sozial. Die Kindergärtnerin bezeichnet sie als „Geschenk für die Gruppe". Die Kombination aus Anschmiegsamkeit und dem extrem eigenwilligen Wesen lässt mich nun an Lac felinum denken. Seit März 2004 erhält sie Lac felinum C200 und M in wiederholten Gaben. Daraufhin nehmen ihre Trotzanfälle deutlich ab. Sie kommt auch viel schneller wieder heraus, steht sich laut ihrer Mutter „weniger im Weg". Auch bei akuten Erkrankungen wirkt die Arznei. Die wählerische Art bleibt, ist jedoch viel weniger extrem und für die Umwelt viel leichter auszuhalten. Die Mutter fühlt sich deutlich entlastet. Abschließend bleibt noch zu bemerken, dass von allen verwendeten Repertoriumsrubriken Lac felinum nur in „fastidious" (wählerisch, anspruchsvoll) aufscheint, aus von einer Publikation von Anne Wirtz in „Homoeopathic Links". Siegfried C., geb. 1958, Erstordination 6.6.2005 Seit 5 Wochen leidet er unter einer Gynäkomastie links, 2x2x4 cm. Er war zur Untersuchung im Spital und beklagt sich über die menschenunwürdige Krankenhaussituation. Er ist Unternehmensberater und bezeichnet sich als Einzelkämpfer. Er setzt sich durch. Es gibt kein Nachgeben ohne Argumente. Er bezeichnet sich als echten Sozialdemokraten, der alles Rechtsextreme ablehnt. Er hat ein politisches Bewusstsein und hat immer erreicht, was er wollte. In seinem Job ist er konsequent: er arbeitet nicht für Rüstunsindustrie, Milität oder Atomindustrie. Er bezeichnet sich als Pazifisten, der aber einen Folterer erschießen würde. Früher träumte er oft vom Krieg. Er ist äußerst konsequent in seiner Lebenshaltung. So reist er nicht in die USA wegen der Bush-Administration oder nicht in Länder, in denen gefoltert wird, wie die Türkei. Wegen der Tierhaltung lebte er 12 Jahre lang ovolacto-vegetarisch. Auf Kritik reagiert er provokant. Er nimmt nichts unhinterfragt hin, ist bereit zur Veränderung. Er kann auch gnadenlos austeilen und unterscheidet dabei nicht zwischen Frauen und Männern. Mehrmals erwähnt er, keine „verbrannte Erde" haben zu wollen. In seiner Art über andere zu urteilen wirkt er überheblich und von sich eingenommen. Konsequenz und Kompromisslosigkeit scheinen wesentliche Charaktereigenschaften zu sein. Bei seinen Ängsten fällt vor allem eine Phobie vor Vögeln auf, auch vor toten, sowie ein Höhenschwindel. Auf der Ebene der Allgemein- und Lokalsymptome findet sich nichts besonderes. Was jedoch am meisten auffällt, ist der visuelle Eindruck, den er hinterlässt. Hier sitzt ein Mann mit sehr markanten Gesichtszügen, der seine Stirn oft runzelt, aufrecht da sitzt und dessen Haare wie eine Löwenmähne beeindrucken. Ein stolzer, selbstbewusster Mann, der weiß, was er will und dieses Wissen konsequent umsetzt. Die Assoziation zum Löwen drängt sich einfach auf. Da die Repertorisation außer vielen Polychresten, die alle die Individualität dieses Mannes nicht abdecken, keine Hinweise auf eine treffende Verordnung gibt, entschließe ich mich, wegen der Diagnose (Brust - Milcharznei) und dem optischen wie auch verbalem Auftreten einen Versuch mit Lac leontinum C200 zu wagen. Daraufhin reagiert seine vergrößerte Mamma nach fünf bis sechs Tagen mit einem Jucken und Spannungsgefühl. Dann verschwindet die Gynäkomastie. Der Einfluss der Arznei auf die Psyche lässt sich nicht wirklich einschätzen, da er nur einmal zu einer Kontrolle kam (nach 6 Monaten), da aber in einer völlig anderen Lebenssituation war. Er hatte sich aus sein angestelltes Arbeitsverhältnis gelöst und wollte nun ganz selbständig arbeiten. Das Anstellungsverhältnis hatte ihn nicht mehr befriedigt. Dies hatte zu einer Krise geführt, da er nun selbst dafür verantwortlich war, neue Kunden zu finden. Dieser Schritt, selbst für sich werben zu müssen, war ihm zu dieser Zeit nicht möglich und führte zu einer Depression. Ich gab leider zu diesem Zeitpunkt eine andere Arznei, was wahrscheinlich ein Fehler war. Ein interessanter Nachgedanke dazu: für einen Löwen (den König der Tiere) ist es wohl unzumutbar, für sich selbst werben zu müssen. Sophie H., geb. 1979, Erstordination 11/2004 Auch in diesem Fall war die Arzeni allein mit dem Repertorium schwer auffindbar. Voraussetzung war die Kenntnis der Thematik der Arznei. Sie kommt wegen Hormonproblemen und Rheuma zur Behandlung. Sie leidet unter polyzystischen Ovarien, die Testosteronwerte sind erhöht, trotz der Jugend wurde bereits ein polypöses Myom entfernt. Sie leidet auch unter rheumatischen Beschwerden (die Mutter ebenso). Vor allem stechende Schmerzen der Finger- und Zehengelenke treten auf, die in Wärme nach anfänglicher Verschlimmerung besser werden. Die Schmerzen wandern zwischen den einzelnen Gelenken hin und her. Auch oft Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, die sich durch Sitzen verschlimmern. Auffallend ist ein großes 'Verlangen nach Milch, beim Wetter reagiert sie vor allem auf Kälte und Zugluft negativ. Sie braucht Bewegung und Sport. Vor der Menses schwellen ihre Brüste stark an und schmerzen. Im Gemütsbereich fällt eine starke Bindung an ihre Familie, vor allem die Mutter auf. Sie fühlt sich von der Mutter kontrolliert, möchte gerne ins Ausland gehen, doch die Familie ist dagegen. Es geht ihr schlecht damit, dass ihr die Eltern oft ein schlechtes Gewissen machen, und sie sich schlecht dagegen abgrenzen kann. Sie hat auch keine Beziehung, da sie sich bald eingeengt fühlt. Zur Arzneifindung führen folgende Fakten: die überstarke und problematische Beziehung zur Mutter, das extreme Verlangen nach Milch, die empfindlichen Mammae vor der Menses, die stechende Qualität der Schmerzen und der wandernde Charakter (was bei Rheuma nicht so selten ist). Lac caninum deckt sowohl die Symptome als auch den psychischen Hintergrund. Lac caninum Q1 führt nach wenigen Tagen zu einer massiven Erstverschlimmerung (was es nach Organon bei Q-Potenzen nicht geben dürfte!): es kommt zu massiven Albträumen voll von Gewalt, Folterung, Krieg. Sie ist stark betroffen (in dieser Intensität hatte sie derartige Träume noch nie). Nach der fünften Nacht kommt es zu einer großen Entspannung und deutlichen Besserung ihrer Beschwerden. Trotz Auslösesituationen ist sie nicht mehr erkältet. Ihre Rheumaschübe werden viel kürzer, auch die Akne wird etwas besser. Auch der übersteigerte Bewegungsdrang normalisiert sich. Im weiteren erhält sie Lac caninum in der Q2, die nur teilseise wirkt, dann Mk. Im Gemütsbereich erlebt sie sich als weniger konfliktscheu, sie konnte im Familienbereich Konflikte früher ansprechen und sich gegen ihre Muter besser abgrenzen. Auch die schmerzenden Mammae vor der Menses wurden wesentlich besser. Die Menses wurde regelmäßig und verkürzte sich deutlich von früher 8-14 Tagen. Die rheumatischen Beschwerden verschwinden fast, das fiebrige Gefühl bei den Schüben tritt nicht mehr auf, auch die begleitende Müdigkeit verschwindet. Sie erträgt auch Kälte viel besser. Die Schmerzen der Lendenwirbelsäule verschwinden ganz. Sie wird insgesamt weniger warmblütig, dabei jedoch nicht mehr erkältungsanfällig. Früher war ihr oft warm, doch sie erkältete sich leicht. Im Herbst 2005 kommt es nach einer wirksamen Gabe von Lac caninum XM zum Rückfall der rheumatischen Beschwerden, der nicht mehr auf die Arznei anspricht. Auch die Schmerzen der Lendenwirbelsäule treten wieder auf. Die Schmerzen der Mammae sind nach wie vor kein Problem, auch der große Durst ist weiterhin nicht aktuell. Nach einer Zwischengabe von Tuberculinum FC 10M beruhigt sich die Lage. Doch bald treten die Beschwerden wieder auf. Im weiteren Verlauf fällt auf, dass die Symptome schnell wechseln (in der Rubrik „Abwechselnde Zustände" findet sich Lac caninum 3-wertig nach Boger). Im Frühjahr 2006 verändert sich die Schmerzqualität schließlich von stechend zu drückend. Auch ein starkes Verlangen nach Eiern trat auf. Da es unter Lac caninum zu keiner weiteren Besserung kam, sondern wieder zu einem teilweisen Rückfall, die Grundsituation sich nicht verändert hatte und keine markanten neuen Symptome aufgetaucht wren, die eine ganz andere Arznei angezeigt hätten, wählte ich aus den verwandten Arzneien Lac humanum aus. Auch von dieser Arznei (ebenfalls erst vor wenigen Jahren geprüft) ist ebenso das Thema der Selbstkritik und des Widerstreits mit sich selbst bekannt, der Bezug zu den Mammae, die Verbesserung durch Aktivität, die Schuldgefühle, sowie das Verlangen nach Milch und Eiern. Das war eher eine Verzweiflungsverordnung, doch sie half. Alle Beschwerden beruhigten sich. Und die Patientin ging ins Ausland, um ihre Ausbildung zu beenden, entgegen aller Widerstände der Familie, die sie zu Hause binden wollten. Auch die rheumatischen Schmerzen verschwanden wieder. Die Behandlung ist natürlich noch nicht abgeschlossen, doch hat hier Lac caninum sehr viel bewirkt und interessanterweise hat eine andere Arznei aus der Familie der Milcharzneien diesen Prozess fortgeführt. Abschließend möchte ich zu meinen Erfahrungen mit den Milcharzneien noch bemerken, dass sie oft nur zu finden sind, wenn man ihre Charakteristika gut kennt, da sie im Repertorium nicht ausreichend repräsentiert sind. Auch für einen „klassischen" Homöopathen lohnt es sich, neue Wege der Arzneifindung kennenzulernen, um für möglichst viele seiner Patienten einen Zugang zu einer heilenden oder zumindest deutlich verbessernden Arznei zur Verfügung zu haben. HIÖ 3/2006 |