Hahnemanns „Oleum petrae“ –
Petroleum crudum

Freie Assoziationen zu diesem Thema

Keines ist wie das andere!

„Wasserhell“ bis tiefschwarz soll es sein, - Roherdöl, Petroleum, - in seiner Dichte schwankend zwischen 0,65 und 1,02, - so ist es zumindest im Chemielexikon zu lesen. Und: Je nachdem ob pennsylvanisch, sowjetisch oder indonesisch setzt es sich aus sehr verschiedenen Kohlenwasserstoffanteilen zusammen bzw. enthält es unterschiedliche Beimengungen (wie z.B. Vanadium und andere Schwermetalle).

 

Hahnemann über die Beschaffenheit von homöopathischen Arzneien

Hahnemann im § 264 des Organon1: Der wahre Heilkünstler muß die vollkräftigsten, ächtesten Arzneien in seiner Hand haben, um sich auf ihre Heilkraft verlassen zu können, er muß sie seIbst nach ihrer Aechtheit kennen. Oder im § 124: Jeden Arzneistoff muß man zu dieser Absicht [hier meint Hahnemann die homöopathische Arzneimittelprüfung] ganz allein, ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen, oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tage zu sich zu nehmen, und eben so wenig die folgenden Tage, so lange als man die Wirkungen der Arznei beobachten will. § 122: Es dürfen zu solchen Versuchen - denn von ihnen hängt die Gewißheit der ganzen Heilkunst und das Wohl aller folgenden Menschen-Generationen ab - es dürfen, sage ich, zu solchen Versuchen keine andern Arzneien, als solche genommen werden, die man genau kennt, und von deren Reinheit, Aechtheit und Vollkräftigkeit man völlig überzeugt ist.

 

                Zweifel und Verzweiflung

Ist nun „Petroleum“, in welcher Potenzart und –höhe auch immer, hergestellt nach dem Homöopathischen Arzneibuch ächt, vollkräftigst und rein anwendbar? Können wir uns auf seine Heilkraft verlassen und von ihr überzeugt sein, - und kennen wir es wirklich nach seiner Aechtheit?

                20 mal habe ich zwischen 1994 und 1996 das gängige „Petroleum“ in verschiedenen Potenzhöhen und von verschiedenen Herstellern bezogen bei Patienten verschrieben, und 19 mal seither das von Robert Müntz oder Brita Gudjons zur Verfügung gestellte „Petroleum aus Rohöl“, - oder „Petroleum crudum“ (Abkürzungsvorschlag: Petr-cr.), wie ich es nennen möchte. Mit Petroleum crudum – noch nicht ganz Hahnemanns „Oleum petrae“, aber viel näher dran als handelsübliches „Petroleum“! - hat sich die Erfolgsquote meiner Petroleum-Verschreibungen wesentlich und fast schlagartig erhöht. Ich möchte sagen: „Vor“ Petroleum crudum machten sich bereits Zweifel in mir breit, ob ich die Arznei überhaupt verstanden hatte, - oder ob die Quellenlage fehlerhaft sei, - jedenfalls hatte ich das starke Gefühl, dass mit meinen Petroleum-Verordnungen etwas nicht stimmte, im Argen lag.

 

Respektlosigkeit im Umgang mit unseren Schätzen               

Petroleum ist eines der absurdesten und gleichzeitig traurigsten Beispiele dafür, mit welcher Anmaßung Apotheker, Arzneihersteller, Formulierer von Herstellungsvorschriften an Hahnemanns Ruf nach Aechtheit  herangegangen sind, - und das gleich in zweifacher Weise: In dem Maß, in dem die Herkunft des konventionellen „Petroleum“ dubiös ist, ist es auch seine Herstellung.

 

„Oleum petrae“ bei Hahnemann

5263 Petroleum-Symptome gibt es im Repertorium2, 773 davon stammen von Hahnemann und seinen Schülern. Hahnemann hatte klare Vorstellungen von Oleum petrae, Bergöl, Steinöl  als Ausgangssubstanz für  Petroleum:  [Chronische Krankheiten]  Dieses an Geruch, Geschmack und arzneilicher Wirkung aüsserst kräftige Erzeugniss des Innern der Erde muss zum Arznei-Gebrauche sehr dünnflüssig und hellgelb von Farbe seyn.

Gemäß Hahnemann sollte Petroleum bis zur C3 verrieben werden. Kein Wort findet sich bei ihm über Rektifikation oder Destillation. - Nach dem Homoöpathischen Arzneibuch hergestelltes, im Handel üblicherweise erhältliches Petroleum geht (unter fälschlicher Berufung auf Hahnemann) von einer 90-prozentigen Weingeist-Lösung aus, - aus der noch dazu niedrig siedende (Benzin, Petroläther) und bei Normaltemperatur feste Bestandteile (Paraffine, Vaseline) eliminiert sind. Was wie ein Vorteil aussehen könnte – Verminderung der Karzinogenität – in höheren Potenzbereichen ohnehin irrelevant – ist in Wirklichkeit vielfacher Nachteil: Verlust der Authentizität und somit Vergleichbarkeit gegenüber unseren Quellen, dadurch Verminderung unserer Verschreibungssicherheit, - aber auch Ausblendung der Tatsache, dass gerade die krebserzeugende Eigenschaft der Ausgangssubstanz für Simile-Überlegungen eine Rolle spielen könnte ...

 

Ein Petroleum-Traum (Erika, 34 Jahre alt, rezid. Schweißdrüsenabszesse)

                Die Szene spielt sich im Haus meiner Eltern ab. Mein Vater und meine Mutter bewerfen einander mit grauen Schlammbatzen und brüllen sich an. Nachdem meine Mutter um ein Wort zuviel sagt, richtet mein Vater sein Schrotgewehr gegen sie. Meine Mutter rennt davon in wilder Flucht, - ich und meine Schwester fliehen mit ihr. Nun sind es Vater und Bruder, die hinter uns her sind. Wir werden beschossen, - die Schrotkugeln werden aber zu Lehmbatzen. Unsere Mutter kann bei einer anderen Frau auf dem Heuboden versteckt werden. Kann man dieser Frau die Mutter anvertrauen? Das Heu dort sah aus wie feines kräuseliges Haar.

                Kommentar: Die Patientin, die eine Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs hat, der über die väterliche Linie der Familie geht, oder jener Teil in ihr, der durch das Traum-Ich repräsentiert wird, wird bedroht, beschmutzt [Erde, Erdöl!]. Die gesamte weibliche Linie der Familie, alle drei Frauen sind betroffen [Delusion, has a threefold body]. Nur eine andere Frau ist es (die starke schützende Frau in sich selbst? „Frau“ schlechthin?), die wahrscheinlich helfen kann.

 

Schmutziges heilendes, in Fraktionen aufgesplittertes Petroleum!

Selbst wasserklares Petroleum kann seine schmutzige und beschmutzende Seite nicht verleugnen: Träume von Vergewaltigung tauchen im Arzneimittelbild auf. Ist diese Aufsplitterungstendenz Petroleums (siehe oben, aber auch: Delusion, parts of body scattered about bed ... , und bei Clarke heißt es: „ ... going out of his mind“ ) eine Überlebensstrategie nach Erleiden sexueller Gewalt – ähnlich wie übrigens bei Berberis - , wie dies tatsächlich von vergewaltigten Frauen – nicht nur in Kriegen - immer wieder beschrieben wird?

Auch Petroleum selbst ist „scattered about“: Man spricht von den „Erdölfraktionen“. Sehr viele von ihnen sind aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken: (Anilin)farbstoffe machen unsere Welt weniger grau und schwarz, und vielleicht lässt sich damit auch einiges übermalen; aus dem Öl der Erde stammende Parfum-Inhaltsstoffe können üble Gerüche beschönigen helfen. Und viele Pharmaka, die unsere Patienten tagtäglich schlucken, und die Pharmakonzernen Millionenumsätze bescheren indem sie unter anderem Symptome unterdrücken, gäbe es nicht ohne „Petroleum“.

 

„April, April!“, - Erdöl und Teer in Herbert Fritsches Jahreslauf3 

                ... auf dass der Schornstein der Fabriken rauche und der Apotheker uns die Gesundheit in Tablettenform zumesse. Ist es nicht wie eine Kommunion, die der moderne Mensch, vor der Teerfabrik knieend, entgegennimmt, wenn er die winzigen weißen Hostien, die aus der schwärzesten Schwärze geschaffen sind, in seinen Leib und seine Seele schluckt? Und wäre es nicht an der Zeit, diese Kommunion der schwarzen Messe mehr und mehr entbehrlich zu machen durch eine Hinwendung zu den Altären der Schöpfung selber?

 

Suche im Conversations-Lexikon (1722) und in Italien

Petroleum, Oleum petrae, Stein-Öl, dieses Öl tröpfelt nicht allein in Italien, Sicilien, sondern auch bey uns, und in Bayern und Elsaß aus den Felsen heraus, und fliesset von dannen auf die Quellen und Brunnen, daß es oben wie Fett schwimmet ...

Zumal Hahnemann im Apothekerlexikon beschrieb, wie das rohe Erdöl „zwischen Steinritzen hervor“ quillt „und aus Tonschiefern“, und zwar in der Gegend von „Parma, Piacenza und Modena“, reiste (nach einer persönlichen Mitteilung) Brita Gudjons, Apothekerin aus Augsburg/Stadtbergen in die beschriebenen Regionen, um das „echte“ Petroleum zu suchen und uns Homöopathen verfügbar zu machen, - leider – trotz tatkräftiger Mithilfe Massimo Mangialavoris – vergeblich. – Im März diesen Jahres teilte uns Dr Mangialavori mit, nicht weit von seinem Wohnort bei einem Ausflug endlich eine solche, wie von Hahnemann beschriebene Ölquelle ausfindig gemacht zu haben. Eine Robert Müntz - Expedition im April ist wegen Regenwetters leider erfolglos geblieben, sodass es so aussieht, als ob die Erde ihr öliges und kostbares Geheimnis vorerst noch für sich behalten möchte, und wir Homöopathen noch ein Weilchen auf das authentischste und kongruenteste „Petroleum“ zu warten haben ...

 

1)    HAHNEMANN, S.: Organon der Heilkunst, Nachdruck der 6.Auflage. Hippokrates Verl., Stuttgart                 1982.

2)    MacRepertory, Vers. 4.5., Kent Homeopathic Associates FRITSCHE, H.: Sinn und Geheimnis des Jahreslaufs. Burgdorf, Göttingen, 1983.

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